Ausbildungsbeginn: Körperliche Arbeit unpopulär

02.08.2018

Zulauf bei kaufmännischer Ausbildung - Mangel bei gewerblich-technischer Ausbildung

Zum Ausbildungsbeginn 2018 nimmt der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Unterelbe-Westküste e.V. (UVUW), Ken Blöcker, Stellung zu den Herausforderungen, Branchen, Maßnahmen und der Ausbildungsquote im Westen Schleswig-Holsteins. Foto: Privat

Nordfriesland (pa) - Zum heutigen Ausbildungsbeginn nimmt der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Unterelbe-Westküste e.V. (UVUW), Ken Blöcker, Stellung zu den Herausforderungen, Branchen, Maßnahmen und der Ausbildungsquote im Westen Schleswig-Holsteins:

Überblick
Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist angespannt, da alle um die gleichen Köpfe werben. Die Zahl der Ausbildungsbewerber ist in den letzten Jahren insgesamt stark zurückgegangen. Der Überhang an unbesetzten Ausbildungsplätzen gegenüber unvermittelten Bewerbern hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Durch hohe Anstrengungen der regionalen Unternehmen konnten in diesem Jahr dennoch die meisten Ausbildungsstellen im Westen Schleswig-Holsteins besetzt werden. Aber die Unternehmen spüren eine deutliche Abnahme an Quantität und auch Qualität der Bewerbungen.

Herausforderungen
Es gibt eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Anforderung der Unternehmen und den Erwartungen der Auszubildenden. Der Wunsch vieler junger Menschen nach einem höher qualifizierten Schulabschluss ist verständlich, aber lange nicht immer zielführend.
Die schulische Leistungsfähigkeit der Auszubildenden ist schlechter geworden. Außerdem wird sehr viel Zeit für den Ausgleich sozialer Schwächen aufgewendet (Kommunikation, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit).
In der PISA Studie 2012 wurde bereits festgestellt, dass 17% der Schüler nicht ausbildungsreif sind. Die praktische Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass sich dieser Trend in den vergangenen Jahren eher verstärkt hat.

Ca. 30 % der eingehenden Bewerbungen können aufgrund der völlig ungenügenden Qualifikation der Bewerber eigentlich gar nicht berücksichtigen werden. Um die Chancengleichheit zu wahren und nicht nur nach Schulnoten zu bewerten, werden aber auch diese in den Bewerbungsprozess voll integriert.
Die Personalverantwortlichen haben außerdem mit kurzfristigen Absagen kurz vor Beginn der Ausbildung zu kämpfen. Es ist keine Ausnahme, dass junge Menschen mehrere Ausbildungsverträge unterschreiben oder sich kurzfristig entscheiden doch weiter zur Schule zu gehen, studieren zu wollen oder mit dem Rucksack durch Australien reisen zu wollen. Häufig muss dann wegen der Kurzfristigkeit der Ausbildungsplatz unbesetzt bleiben.

Branchen
Bei kaufmännischen Berufen sieht die Bewerbersituation aus Arbeitgebersicht gut aus. Sehr angespannt ist der Wettbewerb aber bei den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen. Die Lust auf handwerkliche Berufe nimmt bei den jungen Leuten spürbar ab. Bei handwerklichen Ausbildungsberufen besteht der Eindruck, dass körperlich schwere Arbeit verstärkt gemieden wird und viele Lehrkräfte handwerkliche Ausbildungsberufe nicht als erstrebenswert erachten und dies auch entsprechend vermitteln.
Die Tätigkeiten und Ansprüche werden auf der anderen Seite für die Auszubildenden immer komplexer - auch was den schulischen Bereich angeht. Die Unternehmen müssen daher Kompromisse eingehen.

Gegenmaßnahmen
Es wird erkannt, dass man sich mehr um Bewerbungen bemühen muss, als in der Vergangenheit, denn auf jeden Azubi gibt es mehrere Lehrstellen. Die Unternehmen rühren kräftig die Werbetrommel. Die Personalverantwortlichen treten inzwischen verstärkt auch an Gymnasiasten vor ihrem Abitur heran. Schließlich sind nicht alle Gymnasiasten für eine Hochschulreife geeignet und viele sind eigentlich schulmüde.
Die Wünsche der Auszubildenden werden ernst genommen. Die Unternehmen informieren die Jugendliche verstärkt, dass auch nach einer Ausbildung die Qualifikation über Meister, Techniker, Studium fortgesetzt werden kann – und unterstützen dies auch.
In größeren Ausbildungsbetrieben wird inzwischen auch in den handwerklich-technischen Berufsgruppen auf ein Gleitzeitmodell umgestellt.
In Wirtschaftspraktika geben sich die Personalverantwortlichen viel Mühe und erklären Wirtschaft im „Kleinen“.
Viele Ausbildungsbetriebe bieten neben der normalen Ausbildung noch eine innerbetriebliche Zusatzausbildung an. Hier werden die Azubis parallel zum praktischen Berufsschulunterricht ausgebildet und auf die Prüfungen vorbereitet.  
Durch all diese Maßnahmen kann es auch zu Weiterempfehlungen des Ausbildungsbetriebes unter den jungen Leuten kommen.
Die Nähe der Firmen zum Wohnort spielte in der Vergangenheit eine entscheidende Rolle. Der Trend nimmt jedoch ab, da heute das Internet die Suchmöglichkeit Nr. 1. ist. Die Schulabgänger sind flexibler geworden. Somit spielt der Internetauftritt, die Auffindbarkeit und Soziale Netzwerke wie Facebook & Co. immer mehr ein Rolle für die Personalverantwortlichen.

Weitere Maßnahmen sind:
- Praktika
- Berufsmessen
- Schulbesuche
- aktive Schulkooperationen
- Schnuppertage im Klassenverbund im Unternehmen
- Ausbildungsmeister nehmen an Elternabenden teil
- Messepräsenz
- Konzentration auf Studienabbrecher
-verstärkte Werbung in der Region (Bandenwerbung im Fußballstadion, Werbebanner im Freibad, regionale Kinowerbung)

Hohe Ausbildungsquote im Westen Schleswig-Holsteins
Die Ausbildungsquote ist bei uns in der Region sogar bundesweit spitze. Recruiting ist teuer. Der Standort konnte sich noch nie leisten, Fachkräfte aus anderen Regionen abzuwerben. Die Fachkräfte müssen in der der Mehrheit selbst ausgebildet werden. Diese Recruitingkosten für eine spätere Fachkraft werden dadurch u.a. gemindert.
Zum anderen besteht auch ein betriebliches Interesse daran, möglichst viele der ehemaligen Auszubilden zu übernehmen, da sich erfahrungsgemäß einige während der Ausbildung noch für ein späteres Vollzeitstudium oder einen gänzlich anderen Beruf entscheiden. Viele junge Leute entscheiden sich nach der Zusage auch für einen Ausbildungsbeginn in Hamburg. Die Nähe zu Hamburg stellt eine Herausforderung für viele Mitgliedbetriebe dar.

Der UVUW (Unternehmensverband Unterelbe-Westküste e.V.) ist ein Zusammenschluss von knapp 400 Unternehmen im Gebiet von Norderstedt bis zur dänischen Grenze. Gegründet wurde er vor 71 Jahren und hat sich zu einem wichtigen Sprachrohr der Wirtschaft an der Westküste und im Unterelberaum entwickelt.
Der UVUW informiert auch auf seinem Youtube Channel und auf seiner Facebookseite über seine aktuelle Arbeit.

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